Claudel, Philippe: Das Geräusch der Schlüssel

»Das Gefängnis ist die Stätte unzähliger ungeschriebener Gesetze, die nie in Frage gestellt, aber immer angewandt werden.«
In Momentaufnahmen erinnert sich der französische Schriftsteller Philippe Claudel an seine elfjährige Lehrertätigkeit im Untersuchungsgefängnis von Nancy, Lothringen. Text um Text dringt man tiefer ein in die »Parallelwelt« Gefängnis, die aber doch auf bizarren Kanälen mit der Wirklichkeit »draußen« kommuniziert. Auf die Ausgrenzung seitens der Gesellschaft antworten die Ausgegrenzten mit den hilflosen oder aggressiven Zuckungen einer verkümmernden Vorstellungskraft. Das Gefängnis wird zum Zerrbild der Gesellschaft, bildet eine irreale Realität.
Claudel klagt keineswegs an, sein Blick ist fast der des Ethnologen, der aber Mitgefühl zeigt. Er bewertet weder die schaurigen Verbrechen der »Häftlinge«, noch liefert er psychologische Deutungen. In scharfen Beobachtungen bildet er die mentalen Scheidewände ab, die sich letztlich in Gefängnismauern konkretisieren. Zugleich unterstreicht er Gesten der Menschlichkeit bei Gefangenen wie bei Wärtern. Lakonische Protokolle einer Fremdheit mitten in unserer Gesellschaft. Blinder Fleck, den wir vielleicht durch diese Texte wahrzunehmen lernen.
»Der auf die Außenwelt gerichtete Blick. Der Häftling, den ich im Unterrichtsraum überraschte, der vor mir eingetreten war und der, durchs Fenster, die Eisenbahngeleise betrachtete, die Straße, den pont des Fusillés, die Autos, die fernen Fußgänger, die sich unter dem Regen beugten, den peitschenden Regen auf den Bürgersteigen; und der die Augen schloß, da er mich nicht kommen gehört hatte, und sehr tief, sehr lange die feuchte Luft einatmete, die Luft dieser Außenwelt da, die durch die Gitterstäbe strich und in den Raum drang.«

Philippe Claudel

Das Geräusch der Schlüssel

Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Rainer G. Schmidt
80 S. / 12,0 x 18,0 cm
ISBN 978-3-932109-64-5
vergriffen
16,00 €

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