Dobyčin, Leonid: Die Stadt N.

Dobyčin geriet 1935 ins Zentrum der berüchtigten Formalismus-Debatte, er wurde als Volksfeind bezeichnet. Der Roman Die Stadt N. erschien 1935, ein Jahr danach starb der Autor. Man hat lange geglaubt, er hätte sich das Leben genommen. Seit die Berichte der NKVD-Spitzel bekannt sind, die ihn in seinen Leningrader Jahren beschattet haben, sind Zweifel an dieser Version aufgekommen.
In dem Roman, an dem Dobyčin seit 1928 arbeitete, schildert er eine kleinbürgerliche Kindheit in der russischen Provinz – schon dies war ein Affront für die damaligen Literaturbeamten, weil er weder den heldenhaften Aufbau noch einen neuen Menschen zum Thema macht. In der Kleinstadt scheint die Zeit stillzustehen, die Entwicklung des einsamen Jungen bleibt völlig unberührt von politischem Geschehen. Schon das war zur Zeit des sozialistischen Aufbruchs ein Tabubruch. Die Stadt N. ist auch eine Fallstudie über frühkindliche Sexualität und die Neigung zu gleichgeschlechtlicher Liebe – und diese war in der UdSSR ein kriminelles Delikt.
Leonid Dobyčin gilt als Meister der Lakonie, der Miniaturen und Momentaufnahmen skizziert, die das Schöne und das Banale, Schrecken und Normalität so nebeneinander stellen, daß die nette Kleinstadt und der unsichere Junge keinen Gedanken an Idylle aufkommen lassen. Der junge Ich-Erzähler erweist sich als kleiner Spießer und muß am Ende erkennen, daß er die Dinge wegen seiner Kurzsichtigkeit »falsch wahrgenommen« hat. Die Provokation besteht schon darin, daß sich der Autor von der Gegenwart abwendet, die kleinlichen Anliegen der Bewohner und auch das Vielvölkergemisch der baltisch-russischen Provinz mit allen religiösen und nationalen Konflikten schildert. Die Intention wurde, wie die ersten Rezensionen zeigen, sehr wohl verstanden.
In der Friedenauer Presse sind bereits zwei Werke Leonid Dobyčins erschienen: 1996 – als WINTERBUCH – der Roman Im Gouvernement S., 2008 die Erzählung Evdokija. Die Stadt N ist zweifellos das Hauptwerk und literarische Vermächtnis Dobyčins, das die Bedeutung dieses Autors noch besser erkennen läßt.
Das Werk wurde 1989 zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt und erschien im S. Fischer-Verlag, ist aber seit fünfzehn Jahren vergriffen. Der mit der russischen Avantgarde wie kaum ein anderer vertraute Übersetzer Peter Urban hat das Werk neu übersetzt und mit einem ausführlichen Kommentar versehen, der die Zeit, die Verfolgung und die mittlerweile zugänglichen Protokolle des NKVD berücksichtigt.

Leonid Dobyčin

Die Stadt N.

Aus dem Russischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Peter Urban.
230 S. / 13,0 x 21,0 cm
ISBN 978-3-932109-61-4

vergriffen

23,00 €

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