Dobycin, Leonid: Im Gouvernement S.

Irgendwo im bäuerlichen Rußland, irgendwo ein Dorf um einen Bahnhof, in der Nähe eine Zuckerfabrik, und irgendwo am Dorfrand ihr Haus aus Balken, mit Blech gedeckt. Es hat zwei Zimmer: die Küche und die Stube, »Saal« genannt. Hier leben Šurka und seine Familie: die Mutter, die sechsjährige Schwester, sein Bruder ist drei, er selbst vier oder vielleicht schon fünf. Der Vater ist im Krieg, wer weiß, ob er noch lebt. Doch das Leben geht weiter, es muß. Die Mutter verkauft am Bahnhof Selbstgebackenes, Šurka hilft ihr, paßt auf, daß niemand stiehlt, er wird zur Stütze der Familie. Das Leben geht weiter, wie es immer verlaufen ist, und zwischen Šurkas kleinen, unscheinbaren Erlebnissen wird die unermeßliche Weite seines Landes, die unermeßliche Armseligkeit des bäuerlichen Rußlands geradezu physisch erfahrbar. Jemand erzählt, es gebe keinen Zaren mehr. Ein reisender Offizier schenkt Šurka ein Geldstück, für das er hier nichts kaufen kann. Ein roter Agitator in Lederjacke lädt zum Disput über die Frage, ob es Gott gibt oder nicht. Nichts geschieht, und doch geschieht Großes: Mutter gibt Šurka für eine Weile zum Großvater, schon allein die Reise mit ihm durch die Steppe, Anton Čechovs Steppe: anfangs schön, dann aber nur noch »langweilig, überhaupt hinzuschauen«. Šurka kommt nach Hause zurück. Die Mutter ist krank. Šurka geht allein zum Bahnhof, lernt, wie man klaut. Auch ein Räuber muß sich von etwas ernähren, hat er einmal sagen hören. Šurkas Geschichte, ein Pendant zu Leonid Dobyčins berühmtem Roman »Die Stadt N«, ist nicht nur ein kindlicher Entwicklungsroman, nicht nur eine sozialpsychologische Studie über Jugendkriminalität, das ist sie auch; sie ist vor allem das faszinierende wie provozierende Porträt des ländlichen Rußlands während Krieg, Revolution und Bürgerkrieg, gesehen aus der Perspektive eines nicht mal zehnjährigen kleinen Helden. Scheinbar unbeteiligt und mit einer Lakonie, die ihresgleichen sucht, setzt Dobyčin das vermeintlich Große und das wirklich Wesentliche dem nüchtern sezierenden und ordnenden Blick dieses Jungen aus, der die Dinge registriert, wie sie sind und solange sie ihn interessieren, und er registriert genau, schmucklos und wortkarg, unbarmherzig genau. Leonid Dobyčin, 1894-1936, gehört zu den großen Autoren jener vergessenen Petersburger Avantgarde, die erst heute erneut ins Bewußtsein treten. Er hat zu Lebzeiten zwei schmale Bände mit kürzesten Erzählungen veröffentlicht, die ihn direkt neben Isaak Babel und Daniil Charms stellen, unter den Autoren seiner Zeit fanden vor Dobyčins Augen nur Michail Zoščenko und Jurij Tynjanov Gnade; als Autor hätte er an dem von Charms geplanten, nie erschienenen Sammelband »Die Wanne des Archimedes« teilnehmen sollen. Als 1936 die Partei zum Kampf gegen den Formalismus blies, erkor die Leningrader Literaturkritik Doby?ins Roman »Die Stadt N« zu ihrem Opfer, Dobyčin beging Selbstmord. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Reaktion ausgefallen wäre, hätten seine Kritiker den hier vorgelegten, aus Dobyčins Nachlaß veröffentlichten Roman gekannt.

Leonid Dobycin

Im Gouvernement S.

Aus dem Russischen übersetzt und mit einem Nachwort von Peter Urban. Einbandentwurf von Horst Hussel

144 S. / Leinen
ISBN 978-3-921592-96-0

20,00 €

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