Goncarov, Ivan: Nymphodora Ivanovna

Diese wohl allererste Prosaarbeit Ivan Gončarovs ist eine Entdeckung für alle Kenner und Bewunderer des Oblomov – und nicht nur für diese. Nymphodora Ivanovna, eine schöne junge Frau, kommt aufs Polizeirevier und erklärt stammelnd, errötend und einer Ohnmacht nahe, sie habe etwas verloren – ihr heiß geliebter Ehemann sei vor vier Tagen zur Arbeit gegangen und seitdem verschwunden. Daß Ehemänner sich bisweilen aus dem Staube machen, wissen die abgebrühten Beamten und spotten. Ein paar Tage später jedoch wird Nymphodora aufs Revier gerufen: Man hat die Leiche eines Mannes gefunden, aber eine Leiche ohne Gesicht. Der Mörder hat sein Opfer so grausam zugerichtet, daß eine Identifizierung kaum möglich scheint. Doch da ist die Brieftasche, die der Mörder hat stecken lassen, und an der linken Hand steckt noch der Trauring mit dem eingravierten Namen – die Indizien scheinen eindeutig: Nymphodora ist Witwe, ihr kleiner Sohn ist vaterlos. Nun folgt ein Schicksalsschlag auf den anderen: der alte Vater stirbt, das Haus, das Nymphodora bewohnt, brennt ab, ein junger Nachbar rettet sie und das Kind im letzten Augenblick aus den Flammen… Kurz: es ist der Stoff, aus dem romantische Schauergeschichten gewebt sind. Doch Ivan Gončarov – noch ganz unter dem Eindruck der Erzählungen Aleksandr Puškins und der ein Jahr zuvor erschienenen Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen von Gogol – ist mit diesem Stoff als Satiriker und Parodist umgegangen. Er erzählt die dramatische Geschichte Nymphodoras, an der Grenze zwischen romantischer Gespenstergeschichte und Kriminalroman, augenzwinkernd teils als Moritat, teils realistisch mit Gogolschem Witz, Puškinschem Charme und bitterböser Ironie in seinen philosophisch-moralischen Abschweifungen, die zugleich von überwältigender Komik sind. Nymphodora Ivanovna erschien 1836 in St. Petersburg im handgeschriebenen, jeweils nur in einem Exemplar erscheinenden Almanach des literarischen Salons der Familie Majkov, Podsnežnik (Das Schneeglöckchen), und zwar anonym, selbst ohne die von Gončarov sonst verwendeten Initialen (LG. oder I.A.). Erst 1960 wurde sie, aufgrund zahlreicher Analogien bis hin zum Oblomov, mit Sicherheit dem Gesamtwerk Gončarovs zugeordnet; danach erschien die Erzählung erst 1993, nun unter Gončarovs Namen, in der Zeitschrift Moskva. Sie liegt hier zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vor.

 

Ivan Goncarov

Nymphodora Ivanovna

Aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Peter Urban. Umschlag-Entwurf von Horst Hussel
104 S. / Fadengeheftete französische Broschur.
ISBN 978-3-932109-17-1

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