Lermontov, Michail: Ein Held unserer Zeit

Er kenne kein schöneres Russisch als das von Michail Lermontov, schrieb und sagte Anton Čechov wiederholt: wenn jemand das Schreiben lernen wolle, so nehme er eine Erzählung wie Tamanj und analysiere sie, wie in den Schulen, Satz für Satz und Satzteil für Satzteil. Und Visarion Belinsky schrieb: »Zu jenen starken künstlerischen Talenten, die inmitten der sie umgebenden Leere auftauchen, zählt auch Lermontov …«
Ein Held unserer Zeit, Michail Lermontovs einziger vollendeter Roman, zählt zu den großen Prosawerken der russischen Literatur. Bei seinem Erscheinen 1840, kurz vor Lermontovs frühem (Duell-) Tod, löste er heftige Kontroversen aus. Lermontov antwortete:
»Der Held unserer Zeit, meine Herrschaften, ist in der Tat ein Porträt, aber nicht das eines einzelnen Menschen: es ist ein Porträt, zusammengesetzt aus den Lastern unserer ganzen Generation, in ihrer vollen Entfaltung. Ihr wiederum werdet mir sagen, so schlecht könne ein Mensch nicht sein, ich aber sage euch: wenn ihr an die Existenz aller tragischen und romantischen Verbrecher geglaubt habt, wieso glaubt ihr dann nicht an die Wirklichkeit eines Pecorin? Wenn ihr euch an weit schrecklicheren und monströseren Erfindungen ergötzt habt, wieso findet dann dieser Charakter, selbst als Erfindung, vor euch keine Gnade? Nicht etwa deshalb, weil er mehr Wahrheit enthält, als ihr euch gewünscht hättet? …
Ihr werdet sagen, daß dadurch die Sittlichkeit nichts gewinne? Entschuldigt. Man hat die Men­schen so lange mit so vielen Süßigkeiten überfüttert; daran haben sie sich den Magen verdorben: not tun jetzt bittere Arzneien, beißende Wahrheiten. Denkt indessen nicht, der Autor dieses Buches habe den hehren Traum gehegt, die menschlichen Laster zu bessern. Gott schütze ihn vor solcher Torheit! Es hat ihm einfach Vergnügen bereitet, einen Menschen der Gegenwart zu zeichnen, so wie er ihn versteht und wie er ihm, zu seinem Unglück, allzuoft begegnet ist. Es mag genügen, daß die Krankheit erkannt ist, wie sie indes zu heilen sei – weiß Gott allein!«
Man möchte hinzufügen: Auch ob diese Krankheit seither geheilt worden ist …
In Zeiten neuer Tschetschenienkriege hat Lermontovs Zeitdiagnose überdies größte Aktualität: Lermontov verlegt das Geschehen in den Kaukasus, in die Zeit des russischen Eroberungsfeldzugs zur »Befriedung« der Bergvölker. Der Roman enthält nicht nur wunderbare Landschaftsbeschreibungen, sondern benennt die bis heute fortwirkenden großrussischen Vorurteile gegen die angeblich feigen, hinterhältigen und räuberischen Bergvölker, die Asiaten.

Michail Lermontov

Ein Held unserer Zeit

Aus dem Russischen neu übersetzt von Peter Urban. Einbandentwurf: Horst Hussel.
300 S. / 21,0 x 13,0 cm / Gebunden
ISBN 978-3-932109-46-1
vergriffen
23,00 €

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