Platon: Matthias Claudius übersetzt Platons Apologie des Sokrates

Was weiß man heute noch von Matthias Claudius? Zur Not, daß er eines der schönsten Gedichte deutscher Sprachegeschrieben hat, das Abendlied (Der Mond ist aufgegangen…), vielleicht fällt manchem auch noch das ein oder andere seiner Gedichte ein; Der Tod und das Mädchen etwa, weil es von Schubert unsterblich gemacht wurde, oder das Kriegslied, das mit den Zeilen endet: »’s ist Krieg! ‘s ist Krieg! 0 Gottes Engel wehre, / Und rede Du darein! / ‘s ist leider Krieg – und ich begehre, / Nicht schuld daran zu sein!« Ganz und zu Unrecht vergessen sind seine Leistungen als Journalist, Rezensent und Überset­zer: Vier Jahre lang, von 1771 bis 1775, gab Claudius im Auftrag des Hamburger Verlegers Bode den » Wandsbecker Bothen« heraus, der viermal wöchentlich erschien und, freilich durchaus in den Grenzen der bestehenden politischen Ordnung, »Gesittung und Aufklärung des Volkes« heben sollte. Obwohl Claudius mit einem untrüglichen Sinn für Qualität dieses Blatt als Herausgeber und Hauptautor geprägt hat und fast alle Großen der Zeit, von Goethe bis Herder, von Lessing bis Klopstock, gelegentlich Beiträge schickten, mußte die Zeitung mangels Leserschaft eingestellt werden. Von da an hat Claudius, bescheiden hinter sein Werk zurücktretend, unter dem Titel »Der Wandsbecker Bothe« und dem Autorennamen Asmus seine Gesammelten Werke publiziert. Darin wäre vieles zu entdecken, unter anderem Theater- und Buchkritiken, deren Frische und Klugheit, oft als Einfalt verkleidet, bis heute besticht. Übersetzt hat er, wie man kaum weiß, manches zum Broterwerb, vor allem aber aus Leidenschaft; Bacons Glaubensbekenntnis etwa, Newtons Observationen zum Propheten Daniel, das Werk des großen Rhetorikers und Theologen Fenelon – und eben Platons Apologie des Sokrates. Wie das Werk von Claudius gehört dieser Platon-Text zwar zum Bildungskanon, aber gelesen hat ihn, vielleicht gerade darum, kaum jemand. Er ist gewiß einer der Gründungstexte der abendländischen Philosophie, und doch liest er sich, zumal in Claudius’ Übertragung, lebendig, anschaulich und bewegend – fast wie eine Kriminalgeschichte. Bekanntlich haben die Athener im Jahre 399 v. Chr. Sokrates, Platons Lehrer, als Verführer der Jugend angeklagt und zum Tode verurteilt, weil er, »ein weiser Mann, den Dingen, die im Himmel und unter der Erde sind, nachtrachte und aus Schwarz Weiß mache«. Mit der Widerlegung der ersten Behauptung, daß er weise sei oder gar sich so nenne, beginnt Sokrates seine Verteidigungsrede, und er endet – nachdem er sich geweigert hat, um Gnade zu flehen oder ins Exil zu gehen oder was ihm sonst noch für Brücken gebaut wurden – mit dem Satz: »Aber es ist Zeit von hier zu gehen, ich zu sterben und Ihr zu leben; wer von uns zum Bessern kommt, das weiß niemand als Gott allein.« Denn »den Tod fürchten ist nichts anders, als sich weise dünken, da man es nicht ist. Niemand kennt den Tod, und niemand weiß, ob er nicht vielleicht das größte Gut für den Menschen ist; und sie fürchten ihn, als wenn sie gewiß wüßten, daß er das größte Übel sei. Ist denn das nicht jener Unverstand, der schändlichste von allen, der nämlich: zu wissen glauben, was man nicht weiß.«

Platon

Matthias Claudius übersetzt Platons Apologie des Sokrates

Herausgegeben, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Willi Winkler. Umschlag-Entwurf von Horst Hussel
80 S. / Fadengeheftete französische Broschur.
ISBN 978-3-932109-41-6
vergriffen
16,00 €

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