Savinio, Alberto: Jules Verne

Jules Verne (1828-1905), nach wie vor der meistübersetzte französische Schriftsteller, dessen 100. Todestag am 24. März 2005 gefeiert wurde, gehört zu den Pionieren der Science­fiction-Literatur. Der Schöpfer von Phileas Fogg, Kapitän Nemo, Michel Strogoff, des Kuriers des Zaren und vie­ler anderer populärer Gestalten wurde von der “seriösen” Kritik seiner Zeit zu seinem großen Leidwesen nur als auflagenträchtiger Unterhaltungsschriftsteller wahrgenommen. Ganz anders die jungen Avantgardisten, die kurz nach Vernes Tod in Paris Aufsehen erregten: Guillaume Apollinaire, Andre Breton, Max Ernst und Salvador Dali waren begeisterte Leser der »visionären«, »futuristischen« Bücher Jules Vernes mit ihren phantastischen Szenarien und ließen sich davon zu ihren eigenen surrealen Werken inspirieren. Zu diesem exklusiven Verehrerkreis des »Forschungsreisenden in Pantoffeln« gehörten auch die Brüder De Chirico: Giorgio de Chirico (der Erfinder der pittura metafisica) und sein jüngerer Bruder Andrea. Verne eröffnete ihnen den Weg zu einer nüchternen, modernen Metaphysik. In den Büchern Andrea de Chiricos, der sich ab 1914 Alberto Savinio nannte, stoßen wir immer wieder auf den Schatten Jules Vernes. Savinio (1891-1952) war ein sehr vielseitiger Künstler. Er komponierte, malte, schrieb Romane, Dramen, Erzählungen und Essays, er arbeitete als Regisseur und Bühnenbildner. Der »größte Schriftsteller seiner Zeit« (Leonardo Sciascia), der, so Hans Magnus Enzensberger, zu den »eigensinnigsten Autoren des 20. Jahrhunderts« gehört, veröffentlichte 1942 unter dem Titel Narrate, uomini, la vostra storia eine Reihe von Porträtskizzen außergewöhnlicher Persönlichkeiten, die für sein Leben prägend waren. Eine dieser Geschichten, ein Meisterwerk erzählerischer Essayistik, ist dem »Bären« Jules Verne gewidmet. Auf einer Abendgesellschaft bei einem reaktionären hohen Pariser Justizbeamten begegnet der Erzähler zufällig einem Neffen von Jules Verne, dem Maler Pierre Roy, dem der weltberühmte Onkel seine Hemden vermacht hat. Eines davon trägt der Maler an diesem Abend. Es ist das letzte, wie sich herausstellt, »das absurdeste und unzeitgemäßeste Herrenhemd, das ich je gesehen hatte«. Aus dieser Zufallsbegegnung entwickelt Savinio seine ironische Lebensbeschreibung des gutbürgerlichen Verfassers der Außergewöhnlichen Reisen. Sie endet mit Apollinaires programmatischem Abschiedsgruß der »neuen Generation an den scheidenden Dichter«: »Was für ein Stil, Jules Verne! Nichts als Substantive!« Savinios ironisch-groteske Hommage an Jules Verne liegt hier erstmals auf Deutsch vor.

Alberto Savinio

Jules Verne

Aus dem Italienischen übersetzt von Marianne Schneider. Mit Anmerkungen und einem Nachwort von Richard Schroetter.
32 S. / fadengeheftete Broschur
ISBN 978-3-932109-42-3
vergriffen
12,00 €

Nicht vorrätig

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