Segalen, Victor: New York - San Francisco - Tahiti

Im Oktober 1902 macht sich der frisch promovierte 24jährige bretonische Marinearzt Victor Segalen auf den Weg zu seinem ersten Posten: für zwei Jahre wird er auf Tahiti stationiert sein. Er schifft sich in Le Havre nach New York ein, wo er ein paar Tage bleibt, bevor er quer durch den amerikanischen Kontinent nach San Francisco reist. Bei seiner Ankunft an Typhus erkrankt, muß er für einen Monat ins Hospital. Nach seiner Genesung bleibt er einen weiteren Monat in San Francisco. Er erkundet die Stadt, deren unmittelbare Umgebung und – von entscheidender Bedeutung für sein weiteres Leben und Schreiben – China Town. Am 11. Januar 1903 schifft er sich nach Tahiti ein. Erst während dieser Reise beginnt er sein schriftstellerisches Werk, das bei seinem frühen Tod mit 41 Jahren knapp 2000 Seiten umfaßt: Romane, Essays, Gedichte, Dramen und Reisetagebücher. Segalens Interessen waren so vielseitig und seine Kenntnisse so fundiert, daß viele Leser nur den Teil seines Werks kennen, der ihrer eigenen Spezialisierung entspricht: die Kunsthistoriker Segalens Beschäftigung mit Gauguin, die Ethnologen seinen Maori-Roman Die Unvordenklichen, die Musikologen seinen Briefwechsel mit Debussy, die Archäologen seine Schrift zur chinesischen Steinplastik und die Sinologen den poeta doctus im Reich der Mitte. Er war der erste, der das »Exotische« nicht aus eurozentrischer Perspektive, sondern konsequent von innen zu erfassen und literarisch darzustellen versucht hat. Vielleicht auch deshalb ist er selbst in seinem Heimatland Frankreich bis heute ein Geheimtip geblieben. Im vorliegenden Auszug aus dem Journal des Iles (Oktober 1902 – Februar 1905) allerdings geht es noch nicht um Exotisches, auch wenn die USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts manchem so erscheinen mögen. Gerade in der Beschreibung von halbwegs Vertrautem jedoch tritt Segalens spezifischer Blick um so deutlicher hervor: Die berühmten landschaftlichen Sehenswürdigkeiten berühren ihn kaum, sie entlocken ihm nur melancholische Reflexionen über die Diskrepanz zwischen »großen Vokabeln« und der »trüben Gegenwart« der Dinge selbst. Das chinesische Theater hingegen, das er in San Francisco entdeckt, fasziniert ihn, wie ihn überhaupt vor allem menschliches Verhalten, menschliche Hervorbringungen zu interessieren scheinen, die er mit bald liebevoller, bald sarkastischer Ironie registriert – lakonisch, staunend und mit geschärftem Sinn fürs Absurde: In seinen Notizen über die amerikanische Kongreß-Sucht etwa, oder wenn er einen Gelehrten beschreibt, der eigens aus Paris angereist ist, um Christoph Columbus als Lüg­ner und Betrüger zu entlarven, und dann fortfährt: »Insgeheim wünsche ich mir, daß heute abend einer seiner amerikanischen Kollegen aufsteht und meinem Gesprächspartner vor dem versammelten Auditorium beweist, daß nicht Christoph Columbus Amerika entdeckt, sondern ein indianischer Forscher als erster den Boden der Alten Welt betreten hat.«

Victor Segalen

New York – San Francisco – Tahiti

Aus dem Französischen übersetzt, mit Anmerkungen und eienm Nachwort von Maria Zinfert.
32 S. / 24,0 x 16,0 cm / fadengeheftete Broschur
ISBN 978-3-932109-44-7
vergriffen
12,00 €

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